(Mit einem Blick zum Folk Jamstival – Fabrique im Gängeviertel, Hamburg, 17.-19.4.2026)
Deutschfolk ist derzeit wieder im Kommen. Junge Leute begeistern sich dafür, wie das Jugendfolkorchester, die Deutschfolkfestivals und Jamstivals zeigen. So fand am dritten Aprilwochenende in Hamburg zum dritten Mal das Folk Jamstival statt, deren eine Teilnahmebedingung ein Höchstalter von vierzig Jahren war. Der Schreiber dieser Zeilen war zwar nicht zugegen, aber am Samstag desselben Wochenendes nicht weit davon entfernt, nämlich in Neumünster, wo Deutschfolkies auf der Bühne standen, von denen einige gut dreißig Jahre zu alt für das Jamstival gewesen wären.
Text: Michael A. Schmiedel
Während sich in Hamburg Workshops, Konzerte und Tanzabende die Klinke in die Hand gaben und sogar eine Demonstration für den Klimaschutz spontan folkmusikalisch begleitet wurde, fand in Neumünster nur ein Abendkonzert statt, und zwar eines der Gruppe Schmelztiegel, die mit ihrem Gründungsjahr 1974 noch vor Liederjan und den Folkländern die dienstälteste aktive Deutschfolkband ist (wobei Liederjan nach dem fünfzigjährigen Jubiläum im letzten Jahr – siehe auch hier – vor Kurzem erst ihre letzten Konzerte gegeben haben). Das Konzert fand in dem zur Diakonie gehörenden Volkshaus im Neumünsterer Stadtteil Tungendorf statt. Der 150 Sitzplätze fassende Saal war bis auf den letzten Platz besetzt.
Heri Friese, Gründungsmitglied der Band und wohnhaft in Neumünster, aber aus dem Ruhrgebiet stammend, kündigte als erstes Stück des Abends den „Franken-Schottisch“ an, der sich dann als identisch mit dem Stück erwies, das sonst als „Schottisch nach H. N. Philipp“ oder „Highlife-Schottisch“ bekannt ist und in der neuen Deutschfolkszene rauf- und runtergespielt wird. Das war Friese nicht bewusst, und nach dem Konzert erzählte er, dass sie das Stück schon lange im Programm und einfach für traditionell fränkisch gehalten hätten und nicht für thüringisch von 1784 (es ist notiert in der Notenhandschrift des Heinrich Nicol Philipp aus Seibis, siehe auch hier).
„Schon lange im Programm“ kann für eine 1974 gegründete Band viel bedeuten. Ein Bild, das hochgehalten wurde, zeigte die erste Viererbesetzung unter dem Namen „Schmelztiegel“ mit Erhard Ohlhoff, Reinhard Spielvogel, Theo Schmitz (bis 1983 dabei) und Heri Friese. Alle außer Schmitz saßen oder standen auch an diesem Abend auf der Bühne, Ohlhoff an Handharmonika, Oktavmandoline, Tuba und Blockflöte, Spielvogel an Cister und Drehleier, Friese an Gitarre und Ukulele. Zwischen diesen Herren stand mit Siggi Lau (seit 2003 dabei) das jüngste und einzige weibliche Bandmitglied an der Geige, dahinter komplettierten Volker Linde am Akkordeon (seit 1995 dabei) und Markus Zell am Schlagzeug und anderer Percussion (seit 1994 dabei) das Ensemble. Und alle sangen auch.
Abgesehen vom „Franken-Schottisch“ kam noch das eine oder andere weitere Instrumental vor, ansonsten überwogen standard- und plattdeutsche Lieder. Darunter waren einige lustige wie das „SH-Lied“, eine etwas ironische Liebeserklärung an Schleswig-Holstein, das angeblich von einer KI geschriebene „KI-Lied“, in dem es dann aber nicht um künstliche Intelligenz, sondern um Kiel ging, und „Nütz jo nix“, in welchem die wortkarge norddeutsche Art, sich in Schicksalsschläge zu ergeben, persifliert wurde. Beim „SH-Lied“ hielt Ohlhoff Bilder hoch, die dem Publikum das Mitsingen des Refrains erleichtern sollten, kam aber nicht so schnell mit dem Wechseln der Bilder nach wie gesungen wurde. Bei „Nütz jo nix“ hatte eine lange Banderole, die von zwei Zuhörenden gehalten und immer wieder umgedreht werden musste, dieselbe Funktion, wobei es wohl vor allem darum ging, das Publikum zum Lachen zu bringen.
Auch die Anmoderationen der Lieder durch Friese oder Ohlhoff waren sehr lustig. So sagte Friese, mit dem „SH-Lied“ habe er den vorletzten oder drittletzten Platz bei einem Wettbewerb mit siebenhundert Teilnehmenden erlangt. Er betonte auch, dass sie an diesem Abend keine traurigen Lieder im Programm hätten, sondern das „einzige“ traurige Lied ihres Repertoires nicht singen würden. In Wirklichkeit haben sie recht viele traurige oder zumindest ernste Lieder in ihrem Fundus: Antikriegslieder, Arbeiterlieder, Lieder gegen die Zerstörung unserer Mitwelt, die durch Frieses etwas schneidende Stimme, die sich seit den 1970ern kaum verändert hat, immer gut transportiert werden. Aber nicht an diesem Abend. Dieser war vor allem fröhlich, ironisch, gut gelaunt – auf der Bühne und im Publikum. Das erinnerte doch sehr an Liederjan.
Früher hätten sie alle Fischerhemden oder Norwegerpullover mit Rundhalsmuster getragen. So blickten sie zurück auf 52 Jahre. Indes sind sie alle auch noch in anderen Formationen aktiv. Spielvogel war mit der OS-Dorfmusik zum Beispiel auch beim fünften DeutschFolk- beziehungsweise ersten Nord Folk Festival im September 2025 in Hamburg zu Gast (siehe auch Fotobericht hier) So gibt es also durchaus einen Kontakt zur jungen Deutschfolkszene, der aber noch mehr gepflegt werden könnte – von beiden Seiten. Dieser Abend war jedenfalls ein schöner.
www.instagram.com/folk_jamstival_hamburg
https://fabrique.gaengeviertel.de
Drei Videos des Schmelztiegel-Konzerts finden sich auf dem Youtube-Kanal von Wolfgang Behnke: www.youtube.com/@Wolfgang-We.















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